Der Prince von Punjab

© Erschienen in ALLEGRA

Dubai – Sukhbir Singh, 25, ist Jet-Set-Bhangra-Raver und der Star unter den in Europa, Asien und in Afrika lebenden Indern. Der Sohn eines in Kenia statio-nierten indischen Sikh-Priesters spielte bis vor fünf Jahren ausschließlich reli-giöse Musik. Mit 21 erfand er Bhangra-Rave, lange bevor es den Begriff Jungle Music gab. Indiens High Society, wo immer sie auf dem Globus feiern mag, läßt den in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) lebenden Sukhbir zu ihren großen Partys, Taufen und Hochzeiten einfliegen. Denn nur mit Sukhbir werde es „Ghungroo“; eine echte Party. Demnächst erscheint Sukhbirs neue CD „New Stylee“.

Allegra: Du siehst heute schwer ausgepowert aus. Willst du noch eine Stunde schlafen, bevor wir uns unterhalten?

Sukhbir: Ach nein, das ist normal. Ich bin ver-gangene Nacht aus London zurückge-kommen. Ein reicher Inder hatte für die acht Tage dauernde Hochzeit seiner Tochter eine Mansion für 400 Gäste gemietet, mit Golfplatz, Swimming Pools, Fitness-Centern, und jeden Tag war Party. Vom Abend bis zum Morgen. Davor war ich an der Côte d’Azur. Ein reicher Zypriote hatte acht Tage auf sei-ner Yacht ÆPrincess Tanya“ eine exklu-sive Party gefeiert. Wir sind von Monaco aus an der italienischen Riviera entlang und zurück nach Nizza. Es war richtig klasse, weil außer der Crew und den Butlern nur acht Paare und ich an Bord waren, darunter einige berühmte indi-sche Schauspieler. Es gab jede Nacht eine Jam Session.

Wie feiern 400 Leute acht Tage lang Party?

Kein Problem für Inder. Man hat sich viel zu erzählen, man speist ausgiebig, man trinkt. Aus Bombay werden Tänze-rinnen eingeflogen, Zauberer und Schlangenbeschwörer. Und ab Mitter-nacht wird dann getanzt.

Ab dem wievielten Tag mußtest du dein Repertoire von vorne spielen?

Gar nicht. Ich kann rund 500 Songs aus dem Kopf spielen. Das reicht für gut 45 Stunden am Stück.

Bei deinen Konzerten stehst du alleine mit einem Keyboard und ein paar indischen Instrumenten auf der Bühne…

…nicht immer. Vor allem bei meinen Konzerten in Bombay – und nun auch auf einigen Videos – singen und spielen berühmte Schauspieler mit wie Bina, Getendra oder Amitab Padjan…

Wer bitte?

In Asien kennt die jedes Kind. Da weiß kaum einer, wer Tom Hanks oder Sharone Stone sind. Amitab Padjan zum Beispiel – es gibt fast keinen indi-schen Film ohne ihn.

Aber sag‘: Was ist Bhangra-Rave?

Bhangra ist die traditionelle, sehr fröhliche und sehr rhythmische Musik der sogenannten Dschaps, der Arbeiter, die im Punjab für die Weizenernte an-geheuert werden. Sie benutzen als In-strumente unter anderem die Dumbi, ein einsaitiges Zupfinstrument, das aus-sieht wie eine Ur-Gitarre, sie spielen die Dhol, eine Trommel, und Tablas, kleine Holztrommeln. Wie das Wort rave schon sagt, habe ich der Musik noch mehr Tempo gegeben, sie mit dem Synthesizer bearbeitet. Zusammen mit dem Keyboard ersetze ich eine Punjab-Band von acht Mann. Die Texte sind wie die Musik: absolut fröhlich. In ÆGora Go-ra“, der absolute Hit bei allen Partys, geht es zum Beispiel um ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren, die alle Jungs verrückt macht. Aber nicht der Text ist das Wichtigste, sondern, daß jedes Stück tanzbar ist. Ich spiele ja nicht nur Bhangra, sondern auch La-tino-Beat, also spanische und portugie-siche Rhythmen im Techno-Sound.

Wie kommst du an deine Engage-ments?

Um eine lange Geschichte kurz zu machen. Keten Somaia, inzwischen mein bester Freund, hat eines meiner ersten Konzerte gehört. Keten, der diese Musik offenbar ganz gerne mag, ist Be-sitzer des euro-asiatischen ÆDolphin“-Mischkonzerns. Dolphin handelt mit fast allem von Immobilien bis zu Autoer-satzteilen. Zu der Unternehmensgruppe gehören auch die Dolphin Recording Studios. Keten hat seine eigenen Jets, seine eigenen Piloten, seine eigenen Chauffeure, seine eigenen Butler, und, ja, ich bin nun sein eigener Musiker ge-worden. Wenn Freunde von ihm eine Party oder eine Hochzeit feiern wollen, dann fragen sie ihn, ob ich dort spielen könnte. Und so bin ich ständig unter-wegs. In den letzten Monaten war ich in Kenia, Uganda, Tanzania, auf den Sey-chellen und auf Mauritius, einige Male in Bombay, mehrmals in London, Nige-ria und Frankreich.

Wieviel Geld kriegst du als Gage?

Flug, Unterkunft und Verpflegung. Sonst nichts. Ich bin Angestellter von Keten Somaia, und meine Auftritte sind Geschenke an seine Freunde und Ge-schäftspartner. Ich bekomme ein mo-natliches Gehalt von 10 000 Dirham, umgefähr 4 500 Mark. Außerdem kann ich jederzeit und so oft fliegen, wohin auch immer ich will, ohne fragen zu müssen. Alles, auch Hotel, wird unbe-sehen von Dolphin bezahlt. Außerdem produziert Keten meine CD und macht die Promotion. Vom Gewinn der CD be-komme ich 25 bis 30 Prozent. Das ist unser Deal.

Zeigen sich die Gastgeber, für die du spielst, nicht irgendwie erkennt-lich – mit Schecks, Geschenken, Frauen?

Geld und Geschenke sind nicht üb-lich, da ich als Ketens Freund auch ihr Freund bin. Sie würden fürchten, mich damit zu beleidigen. Man sieht und be-handelt mich als Partygast, nicht als nur engangierten Musiker.

…und Frauen?

Allegra erscheint nur in Deutsch, oder?

Ja?

Also, ich sag’s mal so. Seit einem Jahr bin ich verheiratet. Meine Frau fliegt zu den Partys fast immer mit. Als wir noch verlobt waren, durfte sie das natürlich nicht. Ich glaube, deswegen hat sie mich auch so schnell geheiratet.

Falls du richtig berühmt wirst, ver-liert dein Freund Keten seinen eige-nen Musiker. Hat er das bedacht?

Ja. Aber er will derjenige sein, der mich berühmt gemacht hat. Auf seine Kosten.

Kürzlich, bei einem deiner selte-nen öffentlichen Konzerte in Dubai tanzte das Publikum – Inder, Filipinos, jede Menge Europäer – vier Stunden ohne Pause. Spielst du lieber bei den Edel-Partys oder für gewöhnliche Leute?

Wenn 400 oder 800 Leute kommen, die nicht geladene Gäste sind, sondern ihr Geld dafür ausgeben, um vier Stun-den zu meiner Musik zu tanzen – was sollte es Größeres geben.

Dein Vater ist Priester. Hält er dich für durchgeknallt, daß du die religiö-se Sikh-Musik aufgeben hast?

Gar nicht. Wenn ich bei ihm in Kenia bin, spielen wir gemeinsam religiöse Musik. Und er war schon bei meinen Konzerten. Er hat getanzt wie alle, und in seiner traditionelen Kleidung sah er dabei aus wie ein wild abrockender Ma-hatma Ghandi.

© Copyright Michel Rauch


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