Abschied von Harem

© Erschienen im ZEIT-Magazin

Orient – Es war Ende Oktober in Amman, im Alahlia-Abela Superstore. Im Foyer des Einkaufszentrums drängelten sich Hausfrauen und tütenschleppende Männer um eine von gockelstolzen Managern hofierte, elegant geklei-dete Dame. Es sei eine Freude für sie, sprach die Dame mit dem schulterlangen schwarzen Haar höflich ins Mikrofon, Jordaniens modernstes Shopping Center eröffnen zu dürfen. Von Investitionen wie diesen profitierten schließlich alle und-soweiter undsofort. Ein professionelles Double der Prinzessin Basma weihte also, wie es schien, einen Supermarkt ein – so wie in Liverpool und Birmingham Look-alikes von Lady Diana Ketchup und Kochtöpfe promoten.

Doch weit gefehlt. Auf Seite Drei der ÆJordan Times“ be-dankten sich zwei Tage später in einer halbseitigen Anzeige mit Schmuckrand ÆVorstandsvorsitzender und Aufsichtsrat des Alahlia Commercial Center“ artig bei König Husseins Schwester, ÆIhrer Königlichen Hohheit Prinzessin Basma für die Einweihung des neuen Superstores“. So kann man sich täuschen.

Volksnahe Monarchen, diese Haschemiten in Jordanien, möchte man da sagen; oder fragen: Sind denn Prinzessinnen des Orients auch nicht mehr das, was sie einmal waren?

Yasmin, Aisha, Souad, Janina, Sharmila, Soraya, Hanza-da, Firdaus, Mana Mint und Lalla heißen die Prinzessinen. Alleine die Namen lösen eine Bilderflut von märchenhaften Assoziationen aus. Orientalische Prinzessinnen, ob aus Ku-wait, Saudi-Arabien oder Indien, leben abgeschieden von der Welt der Normalsterblichen als allzeit verfügbare Gespielin-nen eines bärtigen Herrschers (selbstredend Krummsäbel-Träger) in Trutzburgen gleichenden Haremspalästen. Sie ba-den, von Jungfrauen epiliert und massiert, ihre blasse Pfi-rischhaut täglich in mit Jasminblüten parfümierter Eselsmilch, während Eunuchen in Pluderhosen mit Palmwedeln die heiße Haremsluft kühlfächern. Prinzessinen als Frauen, deren ein-ziger Lebensinhalt darin besteht, dem Herrn und Gebieter zu gefallen – alles Fata Morgana!

Da täuschen uns all‘ die Visionen und Träume und Arche-typen im Kopf, die uns von Hollywoodfilmern und Billigro-manciers vergangener Zeiten und von bunten Illustrierten eingebleut sind. Wahr ist nämlich: Prinzessin Sheharazade, die mit tausendundeiner Geschichte in langen Nächten ihr Leben rettete, sie hatte und hat im richtigen Leben so wenige Nachkommen wie es Prinzessinnen gibt, die tatsächlich merkten, wenn sie denn auf einer Erbse schliefen.

Prinzessin zu sein, das ist Ende des 20. Jahrhunderts ein hartes Geschäft. Der Beruf ist, arbeitsmarktpolitisch betrach-tet, schwer vermittelbar, schlichtweg ein Auslaufmodell wie Liftboy oder Kofferträger. Eigentlich braucht sie niemand mehr, aber schön ist’s doch, wenn es sie ab und an noch gibt.

ÆIslamische Prinzessinnen“, sagt der Kairoer Politologie-Professor Mohamed Selim, Æsuchen sich heutzutage ihr Betä-tigungsfeld meist in sozialen Bereichen. Die große Ausnahme sind – unfreiwillig – saudische Prinzessinnen. Ihnen ist es durch Gesetze, die im Grunde nichts mit dem Islam gemein haben, verboten in der Öffentlichkeit aufzutreten. Aber hinter den Kulissen lenken die modernen Prinzessinnen als höchst erfolgreiche Geschäftsfrauen riesige Firmenimperien, die offi-ziell von strikt weisungsgebundenen Stroh-Männern geleitet werden.“

So unsichtbar Prinzessinnen im öffentlichen Leben Saudi-Arabiens bleiben, so unbefangen publik bewegt sich die Kö-nigsfamilie des nördlichen Nachbarlandes Jordanien in der Öffentlickeit. Kaum eine Galerieeröffnung oder Schirmherr-schaft ist vor Köinig Husseins und Kronprinz Hassans Schwestern, Töchtern und Nichten sicher. ÆDiese Frauen sind“, wie es ein Diplomat in Amman formuliert, Ædie besten PR-Ladies, die sich eine Monarchie wünschen kann. Prin-zessin Alia kümmert sich beispielsweise um Tierschutz und Wohlfahrt, Prinzessin Haya um Sport, und Prinzessin Aisha ist die immer wieder vom Himmel fallende Soldatin, wie die Leute scherzen.“

Aisha Bint al-Hussein (34), Tochter König Husseins, gilt als die eigenwilligste unter den islamischen Prinzessinnen. Mit 16 Jahren beschloß sie, eine militärische Karriere einzu-schlagen, wurde – anfangs zum Entsetzen des Volkes – erste königliche Fallschirmspringerin der Welt, besuchte mit 18 die renommierte britische ÆSandhurst Royal Military Academy“ und baut derzeit eine kämpfende Frauen-Truppe innerhalb der jordanischen Armee auf. Denn: ÆEs kann nicht sein, daß Frauen nur als Ärztinnen, Schwestern und Sekretärinnen dienen.“

Die Omnipräsenz der haschemitischen Prinzessinnen, de-ren Stammbaum bis zum Propheten Mohamed zurückreicht, erklärt mit die Beliebtheit des Königshauses von Amman. Wo sonst könnte ein Lied über eine Königsfamilie (ÆHaschimi, Haschimi“) ein nationaler Evergreen sein, den Untertanen bei allen möglichen Gelegenheiten freiwillig anstimmen?

Sich unentbehrlich zu machen oder, wie Kritiker mäkeln, sich majestätisch wichtig zu tun, darin besteht die Kunst, mit dem Titel Prinzessin zu wirtschaften. Yasmin Aga Khan aus Pakistan (45), Tochter des Ismaeliten-Führers Ali Khan und der an Alzheimer verstorbenen Hollywood-Diva Rita Hay-worth, schloß sich 1979 der ÆAlzheimer Foundation“ an. ÆIch werde dieser Sache verbunden bleiben“, sagt die von Spen-dengala zu Spendengala jettende Prinzessin Yasmin, Æbis ein Medikament oder eine Lösung für die Erkrankung gefunden ist“. Seit Yasmins Engagement verzweihundertfünfzigfachte sich das Spendenaufkommen und beträgt heute jährlich rund 20 Millionen Dollar.

Das Gewicht des Prinzessin-Titels in Dollar zu messen, mag im Ausnahmefall angehen. In einer real exisitierenden patriarchalischen Monarchie versagt dieser Maßstab. In Ku-wait, das sich ziemlich schwertut, nach dem Golfkrieg 1991 versprochene demokratische Elemente einzuführen, sind es ausgerechnet hohe Prinzessinnen, die ihre Unantastbarkeit nicht nur zum Wohle von sozialen Zwecken und Umwelt-schutzanliegen ausspielen. Prinzessin – oder wie die Kuwaitis sagen: Sheicha – Rasha Al Sabah, Universitätsprofessorin von Beruf, unterhält in ihrem Palast einen literarischen Salon, in dem sich Schriftsteller, Journalisten, Künstler, kurzum un-bequeme Intellektuelle und oft oppositionelle Querdenker unter dem Schutz der Königsfamilie regelmäßig treffen und andernorts unsagbare Gedanken aussprechen und diskutie-ren können.

Eine andere kuwaitische Prinzessin, Souad al-Sabah (52), in England promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin, gilt im arabischen Raum als eine der besten zeitgenössischen Poe-tinnen. Prinzesin Souad, Tochter des Gründers von Kuwait und Nichte des herrschenden Emirs, lebt in einem Palast aus tausenderlei Marmor. Ihr Lebensstil, keine Frage, sprengt die Vorstellungskraft selbst von Multimillionären. Ihre Falken werden im eigenen Mercedes zur Jagd in die Wüste gefah-ren. Niemand sonst benützt diesen Limousine, außer den Falknern und den Falken.

Doch am selbstverständlichen Lebensstil will sich die Sheicha nicht messen lassen, lieber an ihrer Literatur. Souads Thema ist oft die von Männern dominierte islamische Gesellschaft. Prinzessin Souad fordert die Gleichberechti-gung der Frau ein und bedient sich, keine Kleinigkeit, des Wortes Revolution für ihr Anliegen. In ihrem Gedicht ÆFlorilège“ schreibt sie: ÆIch bin eine Frau vom Golf / Eine, die den arabischen Nächten entflieht…/ Die Frau, die sich dem Kompromiß verweigert / Darum preist meine Revolution!“ Ge-dichte wie diese, so unerheblich oder auch überheblich sie dem europäischen Leser erscheinen, stecken einen weiten Rahmen für literarische Freiheit. Vor allem aber verunsichern sie die allmächtige Zensur, die noch nach absolutistischem Gutdünken zu streichen und zu indizieren gewohnt ist.

Monarchien starben in diesem Jahrhundert wie einst die Dinosaurier. Ein-Familien-Shows als Staatsmodell passen immer seltener in die Zeit. Indiens Indira Ghandi degradierte 1969 sämtliche Fürsten, Prinzen, Maharadjas und Nawabs zu normalen Bürgern, schaffte alle monarchischen Titel ab und nahm dem Adel sämtliche Privilegien, die er sich nach der Unabhängigkeit und der Auflösung der Fürstentümer 1947 noch erhalten hatten.

Ein Teil des Adels, der Macht und des Einflusses beraubt, kam rasch in Geldschwierigkeiten. Die Wasserschlösser von Udaipur in Rajasthan sind nur ein Beispiel, wie Paläste zu Hotels umgewandelt wurden. Für Maharajas, abgestiegen zu Hoteliers, hat Prinzessin Sharmila Begum von Pataudi nur ein breites Lächeln übrig. Sie genießt es, Besucher im Botani-schen Garten ihres, jawohl ihres alleinigen Palastes zu emp-fangen, beim Bummel auf den gepflegten Wegen Rosen ab-zubrechen und deren Duft tief durch die Nase einzuziehen.

Sharmila, 50jährige Nichte des Bengalischen Literaturno-belpreisträgers (1913) Rabindranath Tagore, verschrieb sich auf Anraten ihres Vaters schon vor dem Ende der roayalisti-schen Zeiten der Schauspielerei. Im Land der weltgrößten Filmindustrie spielte sie bevorzugt Prinzessinnen. ÆShatriya“, übersetzt ÆKrieger“, heißt einer ihrer erfolgreichsten Filme, ei-ne Romanze um zwei verfeindete Clans, deren heiratsfähige Kinder sich verlieben und mit ihrer Ehe schließlich die Sippen versöhnen. Die Prinzessin als Prinzessindarstellerin. Indiens Kinopublikum liebt diese Monumentaldramen aus den Häu-sern der entmachteten Noblen, zumal über den Alltag der meisten Adeligen heute kaum Klatschenswertes zu lesen ist. Irrungen und Wirrungen wie das britische Königshaus, sol-chen Stoff liefert keine andere Königsfamilie, nicht in Indien und auch sonst nirgends auf der Welt. Zu alt geworden für Liebhaberrollen, hat sich Prinzessin Sharmila inzwischen mehr auf Fernsehmoderation verlegt. ÆIch bin glücklich“, sagt sie, ÆAls Filmprinzessin hatte ich immer mehr Freiheiten als in der Realität“. Sharmila – ein Leben im Kokon der Zelluloidillu-sion.

Wird es funktionierende Monarchien, Höfe und Paläste samt Prinzen und Prinzessinnen noch im nächsten Jahrtau-send geben? Jordaniens Soldaten-Prinzessin Aisha, heißt es, zitiere auf diese Frage gern den englischen Prinz Philipp: Warum denn nicht? Wir im Palast sind doch ganz normale Leute. Wie viele andere wohnen auch wir über dem Geschäft.


© Copyright Michel Rauch



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